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Kostenrechnung und Lean bei Prozessoptimierung

Wo finde ich denn eure Prozessoptimierungen in meinen Herstellkosten wieder? Wirkt sich das Optimierungsprojekt auf unseren finanziellen Erfolg aus oder ist das nur „schöner Wohnen“?

Das sind Fragestellungen, die der Lean Manager mit seinem Team häufig hört und bei ihm eine gewisse Anspannung erzeugen. Und nicht selten die Lean Bemühungen verzögern oder zum Erliegen bringen. Zur Beantwortung der Fragen werden – nach wie vor – in den meisten Betrieben klassische Vollkostenrechnungen bzw. Herstellkostenkalkulationen verwendet. Und das seit den 50er Jahren oft unverändert. Auch die Teil- bzw. Grenzkostenrechnungen eigenen sich nur bedingt.

Wo liegt das Problem? Und woher kommen die Unterschiede zw. der Lean Philosophie und klassischen Kostenrechnungssystemen? In diesem Blog möchte ich etwas Licht ins Dunkle bringen und Argumente aufbauen, die dem Prozessoptimierer helfen, die klassische Sichtweise zu verstehen und kritisch beurteilen zu können.

Ursprünglicher Zweck der Herstellkosten

Unterschiedliche Rechnungszwecke für unterschiedliche Fragestellungen – diese Forderung ist nicht neu, findet aber dennoch nicht immer ihre Berücksichtigung in der betrieblichen Praxis. Meine Erfahrung, insbesondere im Mittelstand, zeigt eine erhebliche Beschränkung aller monetärer Fragen und Entscheidungen auf klassische Vollkosten- und Herstellkalkulationen, basierend auf Maschinenstunden- oder Kostenstellenstundensätzen. Egal welche Entscheidung oder egal welches Produktionssystem bzw. Marktumfeld vorherrscht. Diese klassischen Kalkulationsweisen wurden primär zum Zweck der Preiskalkulation entwickelt. Im planwirtschaftlichen System des 2. Weltkrieges wurde diese Art der Kalkulation staatlich festgelegt, um geforderte Selbstkostenpreise zu ermitteln. Dass sich dieser Rechnungszweck sowie das Marktumfeld von damals nicht mit der Situation der Lean Unternehmen von heute deckt, ist offensichtlich!

Annahmen klassischer Kostenrechnung

Neben dem Hauptzweck der Preisermittlung stecken eine Reihe weiterer Annahmen in klassischen Kostenrechnungssystemen, die der Lean Manager kennen sollte:

Die klassischen Kostenrechnungssysteme wurden entwickelt, um den damalig dominierenden Fabriktyp – tayloristische Massenfertiger in einem Verkäufermarkt – zu unterstützen. Der tayloristische Massenfertiger steuerte sein Unternehmen mit Kosteninformationen basierend auf Annahmen, die heute kritisch zu hinterfragen sind:

Sichtweise klassische Kostenrechnung  Sichtweise Lean Philosophie
Hohe Arbeitsteilung sorgt für Kosteneffizienz. Hohe Arbeitsteilung erzeugt Verschwendung durch Bestand, Lager, Steuerung etc.
Zusammenfassen von ähnlichen Ressourcen in Abteilungen und Kostenstellen sorgt für Effizienz. Schneller Material- und Informationsfluss sorgt für Effizienz. Dazu ist eine Integration bzw. Verkettung unterschiedlicher Prozessschritte nötig.
Bestandsaufbau stellt Vermögen dar. Durch Vorproduktion können wir Herstellkosten senken. Bestandsaufbau stellt (meist) Verschwendung dar. Bestandsaufbau erzeugt unnötige Ausgaben, die unsere Liquidität und damit das Überleben gefährden.
Plan-Ist-Kosten Vergleiche sichern die Profitabilität. Plankosten sind in volatilen Märkten keine geeignete Vorgabe. Profitabilität entsteht durch kontinuierliches Erkennen und Reduzieren von Verschwendung.

 

Diese Auflistung lässt sich noch erheblich erweitern. Für den Lean Manager sind solche Punkte entscheidend, um die aktuellen Kosteninformationssysteme in seinem Betrieb auf den Prüfstand zu stellen. Die eingangs gestellte Frage „Wo finde ich denn eure Prozessoptimierungen in meinen Herstellkosten wieder?“ kann der Lean Manager selbstbewusst mit „Gar nicht!“ beantworten. Dass liegt nicht daran, dass die Optimierung nichts bringt, sondern schlicht ergreifend, daran, dass das falsche Messwerkzeug verwendet wird.

Auf den Punkt gebracht:

  • Vor dem Einsatz eines Systems oder einer Methode sind deren Annahmen immer zu prüfen
  • Unterschiedliche Rechnungszwecke und Produktionssysteme brauchen unterschiedliche Kostenrechnungssysteme
  • Klassische Herstellkosten wurden zur Preisermittlung in Verkäufermärkten entwickelt; dafür ist sie auch heute noch geeignet, nicht jedoch, um Verschwendung zu sichtbar zu machen und zu reduzieren
  • Klassische Kostenrechnung kann Verschwendung fördern, anstatt zu helfen, diese zu vermeiden.

Bei Fragen zur Kostenrechnung und Controlling für Lean Unternehmen können Sie uns gerne über unser Kontaktformular ansprechen.




Prozessoptimierung durch Data Mining - Dr. Mathias Michalicki

Dr. Mathias Michalicki

Autor von „Kostenrechnung in der Lean Produktion
#1 Lean Accounting Experte in Europa
Lean Enthusiast
Gründer und CEO von IFOX Systems